Toros Outdoors – Kajakreisen in Griechenland, Georgien, Albanien und der Türkei

Die türkische Wirtschaft erlebt seit Beginn der Nullerjahre einen fast beispiellosen Boom. Im Bereich der erneuerbaren Energien hat die Wasserkraft eine Vorreiterrolle. Wo staatliche und private Energieunternehmen den Fluss in Rohre zwängen, haben Flora, Fauna und nicht zuletzt der natursuchende Mensch das Nachsehen. Taugt die Privatisierung von Flüssen als Zukunftsmodell? Im Folgenden eine Umschau durchs Land sowie ein Bericht vom Alternativen Wasserforum in Istanbul.

 

Die Zähmung des Gewaltigen: Staudamm am Cehennem Dere.Paddeldemos, Online-Petitionen und Unterschriftenlisten zur Rettung vom Aussterben bedrohter Flüsse gehören seit Jahren zum Alltag von uns Paddlern. Fast monatlich lesen wir von neuen Hiobsbotschaften, die von Flusszerstörungen in naher Zukunft künden. Ob nahezu im Naturzustand befindliche Wildwasserparadiese wie Isel, Ötz und Finstermünzer, Koppenschlucht und Talbäche in der Steiermark, die gigantische Schlucht der Tara in Montenegro, oder Torsos bereits jahrzehntelang ausgeleiteter Strecken wie Lieserschlucht und Kummerbrücke: Neue Kraftwerksprojekte senken den Erholungswert unserer Flusslandschaften und bedrohen unseren Sport. 

Natur im Urzustand: Der Köprü Cayi im Köprülü-Nationalpark.Die Listen der Flüsse unter dem Damoklesschwert von Ausleitungen und Verbauungen sind lang, die Zahl der in Stauseen verwandelten Ströme groß (wie z. B. Donau in Österreich, untere Enns, Drau). Oft neigen wir zu Pessimismus und übersehen unsere zivilgesellschaftlichen Möglichkeiten, gegen Projekte einzuschreiten. Durch gemeinschaftliches Engagement konnten Ausleitungsprojekte wie Tara und Koppentraun gestoppt oder zumindest wie an Ötz und Isel gebremst werden.

Naturnahe Wasserkraft? – Steinbruch und Abraumhalde zum Bau der Göksu-Dämme. Im Folgenden möchte ich einen Einblick geben in die Situation in der Türkei, einem Land, das in gewaltiger Geschwindigkeit die Nutzung seiner Wasserkraft ausbaut während sich erst langsam zivilgesellschaftliches Engagement gegen deren Folgewirkungen formiert.

Seit 2003 habe ich die Türkei mehr als ein halbes Dutzend Male bereist, immer mit dem Kajak im Gepäck. Meine Reisen führten mich in unterschiedlichste Landschaften und zu faszinierenden Menschen. Als leidenschaftlicher Paddler wurde meine Routenplanung maßgeblich vom fließenden Wasser bestimmt. Als Safety-Kayaker lernte ich den oberen Dalaman kennen, mein Auftakt zu vielen weiteren Wildflüssen im westlichen Taurus. Der Euphrat nahm mich im Faltboot mit durch seine Schluchten bei Erzincan. Im gleichen Jahr stand ich mit großen Augen an den Kapuzbasi-Wasserfällen und träumte von der Erstbefahrung der gewaltigen Zamanti-Schluchten. Die unwirklich blauen Quellwasser des Munzur faszinierten mich genau so stark wie der lehmig braune, träg dahinströmende Murat in der Osttürkei. Die Projektliste der zu paddelnden Flüsse wurde länger und ließ mich jedes Jahr wiederkommen. Leider haben meine Entdeckungstouren in den letzten der Jahren einen schalen Beigeschmack bekommen: Immer mehr Paddelprojekte werden zu einem Wettlauf gegen die Zeit.

Versunkenes Wildwasser seit 2009: Der neue Stausee am Dim Cayi. Megastaudämme im Osten

In kaum einem Land dringen Staudämme und Flussverbauungen so zahlreich in unberührte Tallandschaften wie in der Türkei. Einige wenige Vorhaben gigantischen Ausmaßes schaffen den Weg in die deutschen Medien, wo sie vorwiegend kritisch bewertet werden. So erregt das weite Teile der kurdisch besiedelten Südosttürkei umfassende Südostanatolien-Projekt (GAP) allein aufgrund seiner schieren Größe weltweite Aufmerksamkeit. In einem auf Atatürk zurückgehenden Plan soll die Bekämpfung von Energieknappheit und unfruchtbaren, weil trockenen Böden die wirtschaftliche Entwicklung im armen Südosten ankurbeln. In den 80er Jahren begonnen, sollen 22 Staudämme und 19 Wasserkraftwerke entstehen. Lebensadern der Moderne nahe des Hurmantals in Zentralanatolien.Durch einen gigantischen Tunnel wird Wasser vom Euphrat in die bis vor Kurzem trockene Harran-Ebene umgeleitet, wo es den Ausbau der Agro-Industrie ermöglicht hat. Neben den bereits fertiggestellten Staudämmen am Euphrat, stellt der in Planung befindliche Ilisu-Staudamm am Tigris das Herzstück des riesigen Stauungs- und Ausleitungsprojekt dar. Konkrete Pläne sehen vor, den Tigris nahe der Erdölstadt Batman mittels eines 136 m hohen und fast 2 km breiten Damms 135 km (unter Berücksichtigung der Nebenflüsse sogar 250 km) aufzustauen. Als Konsequenz dieser Pläne müssen 200 Siedlungen geräumt werden, was einen Lebensraumverlust von mindestens 80.000 Menschen bedeutet. 95 der Siedlungen werden nach der Flutung vollständig unter Wasser sein. Unter anderem soll die antike, seit 10.000 Jahren durchgängig besiedelte Stadt Hasankeyf mit einer Unzahl archäologisch bedeutender Monumente und Höhlensiedlungen im Stausee versinken. Neben den Umsiedlungen und dem drohenden Verlust des als UNESCO-Welterbe gehandelten Hasankeyf stehen internationale, wasserrechtliche Streitigkeiten im Fokus der Kritiker. Zusammen mit den Euphrat-Dämmen, würde der Ilisu-Damm dem türkischen Staat ein mächtiges Instrument in die Hand geben, durch ungenügende Wasserabgaben die Unterlieger Syrien und Irak unter Druck zu setzen. Ein Mittel, das übrigens schon im ersten Golfkrieg Anwendung fand.

In wenigen Jahren ein See – das Tal des Peri Suyu südlich von Erzurum.Europa mit im Boot – die Schande von Ilisu

Für uns Deutsche, Schweizer und Österreicher barg der Streitfall „Ilisu“ besondere Brisanz, da namhafte Firmen wie die deutsche Züblin AG und die österreichische VA Tech (jetzt im Besitz von Andritz) am Projekt beteiligt waren. Die finanzielle Absicherung sollte mittels Export-Kreditgarantien (Hermes-Bürgschaften) unserer Regierungen erfolgen. Die Vergabe der Hermes-Bürgschaften ist an einen strengen Katalog ethischer und umweltschutzrechtlicher Kriterien gebunden. Blick von oben auf die Baustelle des Kigi-Staudamms – nach Fertigstellung wird der Peri Suyu 170 m tief eingestaut.Die vom türkischen Staat zu erfüllenden Auflagen betreffen z. B. eine ausreichende Entschädigung der von der Umsiedlung Betroffenen und die Rettung der im Stausee versinkenden Kulturgüter Hasankeyfs. Entgegen aller offiziellen Beteuerungen ist die Türkei ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen, weshalb die beteiligten, europäischen Regierungen im Sommer 2009 den kompletten Ausstieg aus der Finanzierung beschlossen haben. In Folge des Eklats haben sich sowohl Züblin wie Alstom aus dem Projekt zurückgezogen. Andritz hat seine Anteile indessen vergrößert und spielt eine maßgebliche Rolle beim Bau des Ilisu-Dammes. Die Kredite für das Projekt werden von drei türkischen Banken gestemmt. Im Sommer 2012 ging der Umleitungstunnel in Betrieb, somit können die Arbeiten am eigentlichen Damm beginnen. Eine der letzten Hoffnungen liegen auf einer Petition der Unesco. Bitte unterzeichnen!

Einer von mehreren Dämmen im bislang unberührten Tal des Göksu. Die Ilisu-Talsperre und das vom Untergang bedrohte Hasankeyf stellen jedoch nur das prominenteste Beispiel im türkischen Staudamm-Poker dar. Insgesamt liegen Pläne vor in den nächsten Jahren und Jahrzehnten knapp 2000 neue Dämme auf türkischem Territorium zu errichten. Für uns Paddler droht die vollständige Vernichtung des Wuchtwasserparadieses Coruh in Nordostanatolien. Der Bau von Staudammketten an den erst vor kurzer Zeit paddeltechnisch erschlossenen Flüssen Zamanti und Seyhan bei Adana ist in vollem Gang, ebenso wie die Zerstörung des Göksu bei Silifke. Praktisch alle Flüsse von paddlerischer Bedeutung im Pontusgebirge zwischen Giresun und der georgischen Grenze sind von Kraftwerksplänen betroffen. Selbst am aufgrund der angespannten, militärischen Lage momentan kaum mit dem Boot erreichbaren Zap-Fluss nahe der irakisch-iranischen Grenze entstehen Stauwehre und Ausleitungen.

Dass es sich bei den erwähnten Dammprojekten keineswegs um Einzelfälle handelt, sondern die Türkei eine Vorreiterrolle bei der Umstrukturierung/Beschleunigung des globalen Wassermarkts einnimmt, zeigt die Veranstaltung des Weltwasserforums (WWF), das im März 2009 in Istanbul stattfand. Die vom Weltwasserrat initiierte Einrichtung findet alle drei Jahre an wechselnden Orten statt. Dem Weltwasserrat gehören 300 Vertreter aus der Wirtschaft (internationale Großunternehmen wie z. B. die multinationalen Wasserkonzerne Suez und Veolia), Ministerien, Wissenschaft, internationalen Finanzeinrichtungen, der UN und lokaler Regierungen an.  

Ziel des WWFs ist die Sensibilisierung für Probleme der Wasserversorgung im Sinne einer Öffnung der Wassermärkte für die Privatwirtschaft.

Internationales Publikum am Alternativen Wasserforum 2009 in Istanbul. Eine andere (Wasser-)Welt ist möglich

Um dem von Wirtschaftsunternehmen dominierten WWF entgegenzutreten und gesamtgesellschaftlich legitimierte Alternativen aufzuzeigen wurde zeitgleich das Alternative Wasserforum abgehalten. Die ausrichtende Organisation „Another Water Management is possible“ ist eine von knapp 40 Nichtregierungsorganisationen (NGOs) getragene Kampagne. Das vom 20. bis 22. März 2009 dauernde Alternative Wasserforum wurde von einer Reihe Rahmenveranstaltungen begleitet, die im Geiste der Weltsozialforen parzipativ organisiert waren.

Großer Besucherandrang beim Alternativen Wasserforum.

So war eine breite Vielfalt von Wasseraktivisten und NGOs aus der ganzen Welt anwesend, die über mit der Ressource Wasser verbundenen Probleme berichteten und Lösungsansätze präsentierten. Im Alternativen Forum wurden Vorlesungen von türkischen und ausländischen Wissenschaftlern gehalten und in Workshops gemeinsam Themen erarbeitet. Unter anderem beschäftigten sich die Seminare mit der Ressource Wasser als Machtinstrument von Nationalstaaten (siehe die Rolle von Trinkwasserreserven im Nahost-Konflikt, wie auch die außenpolitischen Spannungen zwischen der Türkei und Syrien/Irak), den sozialen und ökologischen Folgen von Großstaudämmen (z. B. Ilisu am Tigris und Yusufeli am Coruh), der Erklärung von Wasser zum Menschenrecht statt zur bloßen Handelsware (eine Entscheidung, die das Weltwasserforum zugunsten kommerziellen Interessen trifft) und der Privatisierung von Wasser (z. B. Verkauf von kommunalen Wasserversorgungseinrichtungen mittels Cross-Border-Leasing in Deutschland; Privatisierung von Flüssen in der Türkei).

Das Banner, das zum Landesverweis der Aktivisten geführt hat.Weltwasserforum – wer anders denkt, fliegt raus

Während sich die Paddler in Europa vor allem gegen Projekte zur Energiegewinnung aus den Alpenflüssen zur Wehr setzen, wurden im Forum auch globale Aspekte diskutiert. Die nach einer Protestaktion im Weltwasserforum (Es wurde ein Banner mit der Aufschrift „No risky Dams!“ im Plenum enthüllt.) festgenommenen und des Landes verwiesenen Aktivisten von International Rivers wurden per Videokonferenz aus den USA zugeschaltet und klärten auf über die klimaschädlichen Emissionen von Großstaudämmen durch freigesetztes Methangas. Aktivisten aus der Südosttürkei machten auf sogenannte „security dams“ in den Kurdenprovinzen Sirnak und Hakkari (mehr dazu im verlinkten PDF) aufmerksam. Mittels der Flutung mehrerer Staubecken sollen regionale Straßenverbindungen in Grenznähe zum Irak unpassierbar bzw. leichter kontrollierbar gemacht werden. Unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung wird eine Fragmentierung der vorwiegend kurdischen Bevölkerung in Kauf genommen bzw. zum Ziel der Maßnahmen gemacht. Weitere Themen der Diskussion waren „Staudämme und Kulturerbe“ (d. h. der Verlust im Wasser versunkener archäologischer Stätten wie Allianoi und Hasankeyf), „Großstaudämme und Nachhaltigkeit“, „Wasserpolitik und Landwirtschaft“, „Wasser und Frauen“, sowie die Arbeit zahlreicher Staudammaktivisten in der Türkei und weltweit.

Noch fließt das Wasser des Manavgat über eindrucksvolle Sinterkaskaden. In den Wochen nach dem Forum war ich zum Paddeln in der Südtürkei um Adana unterwegs und konnte mich mit eigenen Augen vom scheinbar unaufhaltsamen Vordringen neuer Flussverbauungen überzeugen. Der Verlust ganzer Flusssyteme nicht nur für uns Kajakfahrer, sondern für alle anderen Nutzer von Natur und Wasser, schafft Gefühle von Trauer und Ohnmacht. Nichtsdestotrotz stimmen Veranstaltungen wie das Alternative Wasserforum optimistisch, indem sie das Entstehen einer naturbewussten, türkischen Zivilgesellschaft und den Einfluss einer an Macht und Entschlossenheit zunehmenden Gegenbewegung vor Augen führen.

Auch in den Alpen werden in den nächsten Jahren sicher weitere Kraftwerkspläne aus den Schubladen geholt und Kajakklassiker zur Disposition gestellt.

Lassen wir uns dabei von mit vereinter Kraft geretteten Flüssen inspirieren und aktiv und gemeinsam unsere Interessen als Naturschützer und Naturnutzer vertreten!