Flüsse des östlichen Taurus

Der östliche Teil des über 1500 Kilometer langen Taurusgebirges erstreckt sich östlich der Linie Sivas-Malatya bis zur iranischen Grenze. Die Osttürkei ist das Land der großen Ströme. Hier schwellen Euphrat und Tigris – die Lebensadern des fruchtbaren Zweistromlands – zu mächtigen Flüssen. Die Euphrat-Quellflüsse Karasu und Murat waren schon zur ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts das Ziel wagemutiger Faltbootexpeditionisten. So beschreibt z.B. Herbert Rittlinger in seinem 1953 erschienenen Buch „Faltboot stößt vor“ seine Kajakfahrt auf dem Euphrat von Erzincan durch das Taurusgebirge. Die Zivilisation machte jedoch auch nicht vor diesem, weit von der Hauptstadt Ankara entfernten Landstrich Halt: Die Kraft des Wassers von Euphrat und Tigris soll dem Osten Energie und Wohlstand bringen, so wurde in den 1980er Jahren das Südostanatolien-Projekt geboren. 22 Staudämme im Einzugsgebiet der beiden Flüsse sollen nach Fertigstellung Wasserkraft erzeugen und die fruchtbaren, aber ausgedörrten Ebenen an der syrischen Grenze bewässern. Schon heute sammelt der gigantische Keban-Stausee nahe der Stadt Elazig die frei fließenden Wasser von Karasu und Murat, die folgenden von Rittlinger befahrenen Schluchten des Euphrat sind in einer Kette von Stauseen ertrunken.

Das bekannteste Ziel für Wildwasserpaddler im östlichen Taurus ist bislang von Kraftwerksprojekten verschont geblieben: Der Karasu, der als eigentlicher Euphrat-Oberlauf betrachtet wird, durchfließt nach seiner Quelle nahe Erzurum eine ganze Reihe eindrucksvoller Schluchten. Entlang der Fernstraße E 80 finden versierte Paddler im Frühjahr wuchtiges Wildwasser im oberen Schwierigkeitsbereich. Die klassische Wildwanderstrecke des oft als Rivergod bezeichneten Euphrat beginnt in der Ebene von Erzincan. Auf 160 Kilometer kann von hier aus bis in den Keban-See gepaddelt werden. Auch im Sommer reicht das Wasser aus, fast immer mit flotter Strömung fließt der Karasu durch ein weites Kiesbett, bevor er bei Kemah in stetig tiefer werdende Schluchten tritt. Begleitet werden Paddler ab Kemah nur noch von der wenig befahrenen Eisenbahn. Die technischen Schwierigkeiten steigen in den langgezogenen Kiesbankschwellen bis zum dritten Grad, im Frühsommer werden einige der Schluchtpassagen ziemlich wuchtig. Ab Juli zeigt sich der Karasu freundlich, in größeren Kajaks oder Schlauchkanadiern lässt sich alle Nötige für den Multidaytrip transportieren.  In den Schluchten stillen zahlreiche Quellen den Durst.

Ein weiterer sehr lohnender Zufluss des Keban-Sees ist der Munzur mit seinem Zubringer Pülümür. Rund um die Provinzstadt Tunceli, dem kurdischen Dersim, befindet man sich im Kurdengebiet. Eine lange Tradition von Aufständen und Widerstand gegen die türkische Assimilation dauert bis heute an. Wer nach Tunceli will, tut daher gut daran, sich vorab über die politische Lage in der Region informieren. Der Konflikt zwischen der kurdischen Rebellengruppe PKK und der Armee macht sich für Reisende hauptsächlich in mehreren Checkpoints bemerkbar, die es zu passieren gilt. Wer es wagt, wird mit unwirklich blauem Wasser und ungezähmtem Wildwasser im zweiten und dritten Grad belohnt. Sowohl von Elazig (mit der Fähre via Pertek) als auch Erzurum und Erzincan (über den 1950 m hohen Pülümür-Pass) sind die beiden Flüsse leicht erreichbar. An den Quellen des Munzur befindet sich ein wunderbarer Picknickplatz, die benachbarte Mineralwasserabfüllung zeugt von der Reinheit des Wassers. Im Frühjahr kann man direkt unterhalb der Quelle starten, ist das Wasser im Sommer knapp, sorgen Zuflüsse bei Ovacik für ausreicehnd Durchfluss. Die Straße verläuft stets im Tal, an mehreren Brücken kann man die 90 Kilometer lange Gesamtstrecke aufteilen.

Reiseliteratur zum Euphrat

Die Kanusport-Redaktion des DKV hat mir freundlicherweise das PDF eines 2006 erschienenen Reiseberichts zur Verfügung gestellt. Im Sommer 2003 führte die Rucksack-Tour auf dem Landweg von Regensburg über Istanbul, die Mittelmeerküste bei Antalya und Kappadokien zum Euphrat. Vier Tage lang folgte ich dem Lauf des Karasu mit einem alten Klepper T9 von Erzincan bis Illic. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der spartanischen Ausrüstung eine unvergessliche Solotour durch die anatolische Schluchtenwildnis.

Im Sommer 2005 machte sich ein Team um Olaf Obsommer und Manuel Arnu auf in den Osten der Türkei, um die Wildwasser zwischen Coruh und der syrischen Grenze zu erkunden. Neben zahlreichen Creek-Etappen im obersten Schwierigkeitsbereich gönnte sich das Team eine Auszeit am Karasu, den sie in mehreren Tagen von Kemah bis zum Keban-Stausee paddelten. Im Kanu Magazin berichtet Manuel Arnu über den Rivergod Euphrat.