Flüsse des westlichen Taurus

Der westliche Taurus ist das am schnellsten erreichbare Wildwasserrevier der Türkei. Innerhalb vier Autostunden erreicht man vom internationalen Flughafen Antalya aus alle klassischen Flüsse zwischen Marmaris und Anamur.

Geht auch heute noch: die Kernstelle am oberen Dalaman (R3).
Seit 2011 im Stausee versunken: die Bogenbrücke bei Akköprü.

Im äußersten Westen des Gebirgszugs bei Marmaris bot der Dalaman bis zum Sommer 2011 zwei Abschnitte, auf denen auch kommerzielle Rafting-Touren durchgeführt wurden. Bereits seit etwa 2006 Jahren regelt ein kleiner Stausee den Ablass für den unteren Abschnitt „R2“. Zumindest während der Raft-Saison war ein gleichmäßiger Ablass garantiert. Beinahe 15 Jahre lang hat die Fertigstellung des Akköprü-Staudamms unterhalb der klassischen Raftstrecke R2 gedauert. Das gleichnamige Dorf, das 2003 noch von mehreren Familien sowie den am Dalaman arbeitenden Raftguides bewohnt war, wurde nach und nach geräumt. Seit 2010 wird der Stausee befüllt, im Sommer 2011 konnte noch auf der verkürzten Strecke gepaddelt werden. Bis zum Beginn der Saison 2012 wird R2 als Ganzes im Stau ertrunken sein. Die schwere Wildwasserstrecke des oberen Abschnitts R3 wurde bisher von der Stromwirtschaft verschont, allerdings bestehen auch hier Pläne das ganzjährig reichlich fließende Wasser energiewirtschaftlich zu nutzen.
Der Yuvarlakcay, ein rechter Seitenbach des Dalaman, konnte zumindest 2004 im Frühjahr direkt ab der Karstquelle befahren werden. Man überquert den Yuvarlakcay auf dem Weg zum Dalaman-Ausstieg von R2. Auch hier war jedoch ein Kraftwerk geplant. Über den aktuellen Stand ist mir nichts bekannt.

Zwischen Marmaris und Antalya befinden sich keine weiteren großen Wildflüsse. Bei Fethiye kann der Saklikent-Bach ab der sehenswerten Saklikent-Klamm (eine ausgewiesene massentouristische Sehenswürdigkeit) befahren werden. Hier wird kommerzielles Tubing in LKW-Schläuchen angeboten. Als leichte Wandertour könnte der Unterlauf des Esen Cayi interessant sein. Der interessante Teil am Klammende bei Ören lag bereits 2003 durch eine E-Werks-Ausleitung trocken.
Im Winter und zeitigen Frühjahr findet sich in unmittelbarer Küstennähe eine Vielzahl kurzer Karstbäche, die lohnendes Wildwasser bieten könnten. Einen Eindruck bekommt man, wenn man die Küstenstraße zwischen Antalya und Fethiye entlangfährt. Mögliche Fahrtstrecken müssen erkundet werden.
Der Alakir, der nur ca. 30 Kilometer westlich von Antalya zum Küstenort Kumluca entwässert, soll lohnendes Wildwasser bieten. Bei mehreren Ortsterminen wurde von uns immer zu wenig Wasser im stark aufgeschotterten Bachbett angetroffen. Die besten Chancen bestehen wohl im Winter und zeitigen Frühjahr nach Regenfällen.

Das weite Tal des Köprü Cayi bei Caltepe.
Die perfekte Einsteigerwelle – Massensurf an der Dallas-Welle.

Östlich von Antalya, nur eine gute Stunde vom Flughafen entfernt, empfängt der Köprü Cayi paddelhungrige Touristen meist als erster Fluss. Die Raftingstrecke bei Beskonak ist zum Aufwärmen nach dem Winter perfekt, verfügt über eine ganzjährig fahrbare Wassermenge und wartet mit mehreren surftauglichen Wellen. Eine landschaftlich schöne Wanderstrecke praktisch ohne technische Schwierigkeiten lädt im zeitigen Frühjahr zwischen Degirmenözü und Caltepe zum Binsenbummeln. Expeditionspaddler finden Neuland in den tiefen Schluchten oberhalb, lediglich eine kurze offene Teilstrecke mit steil-wuchtigem WW V bei Kasimlar konnte bisher befahren werden. Die unbekannten, sehr tiefen Canyons sind berüchtigt für zahlreiche Siphone im porösen Kalkgestein.

Offenes Traumwildwasser am Manavgat bei Üzümdere.

Ähnliche Verhältnisse am Manavgat, dem nächsten Fluss Richtung Osten: Tiefe, mit Siphonen gespickte Felsschluchten wechseln mit kurzen, offenen Strecken. Die legendäre Großschlucht, die im Oymapinar-Stausee oberhalb der Stadt Manavgat endet, ist aufgrund ihrer Länge und den stark wechselnden Abflussverhältnissen eine echte Expedition. Am Einstieg ist ein halbwegs fahrbarer Pegel nötig um erfolgreich im siphonierten Felschaos zu navigieren, bevor Quellen nahe der Altinbesik-Höhle die Wassermenge Wassermenge um ein Vielfaches erhöht. Aber auch die kürzere Felsschlucht bei Üzümdere bleibt echten Könnern vorbehalten. Ein vier Kilometer langer, offener Anschnitt bis zum Forellenwirt Ibrahim, der mit seinem Gasthaus und Campingplatz Handost einen der schönsten Übernachtungsplätze bietet, bleibt mit mittleren Schwierigkeiten für den Otto-Normal-Paddler. Im Frühjahr ist die Chance groß, an den Quellflüssen oberhalb Gümüsdamla Wasser anzutreffen: Reinrassige Creeks mit hohen Stufen warten.

In der Klamm der mittleren Alara.
Der Ucansu-Wasserfall am Einstieg der oberen Alara.
Frühling im Taurus – unterwegs auf dem Karpuz Cayi, der türkischen Koritnica.
Im grünen Talgrund des Kargi.

Zwischen Manavgat und Alanya entwässert die Alara aus einer ursprünglichen, wilden Gebirgsregion. Vier Tage Wildwasser auf über 50 Kilometer Fluss erwarten die Liebhaber türkisblauen Wassers. Ein exquisiter Übernachtungsplatz am Ucansu-Wasserfall markiert den Beginn der sog. „Quelltopfstrecke“, die mit offenem Wildwasser III an die obere Soca erinnert. Die folgende mittlere Alara-Klamm bleibt Schluchtfüchsen vorbehalten. Ein enger Schlitz kann nur bei Niedrigwasser knifflig umtragen werden, senkrechte Wände lassen den Ausweg nur auf dem Wasser zu. Am Ende treffen Paddel- und Shuttleteam an der „türkischen Kaiserklamm“aufeinander. Bequem von der Straße einsehbar stürzt die Alara in einer Niederklamm über Felsstufen. Die große Alaraschlucht entführt die Paddler nach dem Einstieg an der Kemer-Brücke aus der Zivilisation. 35 Kilometer lang ohne künstliche Hindernisse oder Straßenbrücken, eine unberührte Schlucht ohne jede Besiedlung leitet zwischen hohen Schluchtwänden. Wer die anspruchsvolle Zufahrt auf einer holprigen Naturstraße findet, kann die Strecke etwa in Schluchtmitte mittels eines Biwaks teilen.

Ist das Wasserstand für die Alara (zu) hoch, erwacht die Wildbäche des küstennahen Vorgebirges zum Leben. Im Sommer fast ausgetrocknet, strömen zur Hochschmelze und nach Regen Kargi Cayi und die beiden Karpuz Cayi dem Meer entgegen. Den Kargi überqueren Alarapaddler, wenn sie von Alarahan kommend der Straße nach Gündogmus folgen. Am Forellenrestaurant bei der Brücke endet der mehr als zehn Kilometer lange Oberlauf, auf dem bei technischem WW III+ keine Langeweile aufkommt. Die beiden Karstbäche mit dem Namen Karpuz (Wassermelone) fließen rechts und links parallel der Hauptstraße von Manavgat nach Akseki. Im April 2009 führte der östliche Arm deutlich mehr Wasser. Für eine kurze, aber lohnende Strecke setzt man an der Straßenbrücke Richtuing Gündogmus ein und fährt bis zum Dorf. Davor und danach verläuft der Bach ziemlich uneinsehbar in tiefen, engen Klammen, die zum Teil als Canyoningtouren begangen werden.

Der Dim Cayi ist ein kurzer Karstbach, von dem die meisten Türkeipaddlern nur eine kurzweilige Bummelstrecke oberhalb des Staudamms bekannt war. Eine kurze Klamm mit nur mäßigen Schwierigkeiten leitete über in ein breites Tal, wo der Dim zwischen niedrigen Kunststufen und Fischrestaurants zur unbeschwerten Spazierfahrt lud. Im Sommer 2007 waren die Talflanken entlang des Flusses schon gerodet, und die meisten Restaurants zerstört. Im Frühjahr 2009 war schließlich die Flutung des Trinkwasserreservoirs erfolgt. Es bleiben die schweren, ausgesetzten Schluchten des Mittel- und Oberlaufs, wobei auch Teile der Großen Schlucht im Stau ertrunken sind. Hier reicht das Wasser nur bis etwa April/Mai, passionierte Stürzer finden dann jedoch eine rasante, technisch anspruchsvolle Abfahrt.

Der Ermenek bei Hochwasser nahe Dumlugöze.

Von Alanya verbindet eine spektakuläre Passstraße den zivilisationsgeplagten Küstenstreifen mit dem kargen Hinterland der Göksu-Quellflüsse Göksu(nördlicher Arm) und Gevne (südlicher Arm), der im Mittel- und Unterlauf Ermenek genannt wird. Fast gänzlich unbesiedelt ist das Tal des Gevne, der mit ca. 40 Kilometer WW II-IV in Straßennähe zwei bis drei Tagesetappen bereithält. Wie auch der nördliche Gösku-Arm sind Gevne und Ermenek durch ein wuchtiges Gebirgsmassiv vom Mittelmeer abgeschirmt. Im März und April liegt hier zumindest auf den Pässen oft noch Schnee, auch im Tal ist Nachtfrost möglich. Die beste Zeit ist daher in den Monaten Mai und Juni, für Ermenek und Göksu-Schluchten auch später. Der Ermenek verläuft durch mehrere große Schluchten, bisher konnten nur zwei offene Zwischenstücke befahren werden, die mit feinstem Wuchtwasser aufwarten. Im unteren Teil des Ermenek bremsen zwei Staudämme den freien Fluss, die Ebene nahe der Stadt Ermenek soll in den nächsten Jahren geflutet werden. Der nördliche Göksu wurde bisher nur im Oberlauf befahren, er verläuft dort mit nur mäßig interessantem Wildwasser am Rande der Anatolischen Hochebene bevor er in unbekannten Schluchten verschwindet. Nach dem Zusammenfluss bei Mut war bis vor wenigen Jahren eine ca. 30 Kilometer lange Wanderstrecke mit guter Strömung interessant. Offenbar ist dieser Abschnitt seit 2005 der Flutung des Kayraktepe-Staudamms zum Opfer gefallen.

Nahe des südlichsten Punkts der türkischen Mittelmeerküste, dem Kap Anamur, beendet der Dragon nach kurzer Strecke seinen Lauf im Meer. Der auch als Anamur Cayi bekannte Gebirgsbach entwässert das südlich des Ermenek gelegene Taseli Massiv und entspringt wasserreichen Karstquellen. Von der Küstenstraße leicht erreichbar bietet er im Oberlauf schnelles, im Frühjahr wuchtiges Wildwasser im vierten Grad. 15 weitere Kilometer WW II-III auf blau-grünem Wasser folgen bis zur Alaköprü, wo die Hauptstraße nach Ermenek kreuzt. Der Dragon ist bis in den Juni gut fahrbar, evtl. auch bis August. Für die ca. 250 Straßenkilometer von Anamur nach Antalya sollte man vier bis fünf Stunden Fahrzeit einplanen.

Die Fotos dieser Seite wurden mir freundlicherweise von Daniel AhrenbogMatthias BreuelAndreas StrüwingGerald Gärtner und Michal Drwotazur Verfügung gestellt.

Mehr zu Alara, Köprü Cayi und Co 
Einmal Coruh und zurück – unter diesem Motto bereisten wir im Frühjahr 2004 die schönsten Paddelreviere der Türkei. Ein völlig überladener Toyota Kombi diente uns als treues Gefährt. Über den Balkan und die Westtürkei ging’s an die Mittelmeerküste, von dort nach Kappadokien und ans Schwarze Meer. Zwischen Marmaris und Silifke konnten wir alle bekannten Kajakflüsse befahren sowie mehrere bislang unbeschriebene Etappen. Unsere Erfahrungen haben Eingang gefunden in den Flussführer „Greco II“ von Franz Bettinger. Die ganze Story zum Anatolien-Roadtrip gibt’s beim Klick auf das Bild.